Freitag, 3. Oktober 2008

Mit Frau Ensslin in der Wanne

Gelohnt hat sich der Besuch im Kino am vergangenen Sonntag um 11.45 Uhr (so früh war ich noch nie im Kino, erst recht nicht bei schönem Wetter) allein wegen der Schauspielerischen Glanzleistung von Johanna Wokalek in der Rolle von Gudrun Ensslin. Wer sich intensiv mit den Anfängen der RAF beschäftigt hat und ihre Briefe (in dem Buch Zieh den Trennungsstrich jede Minute) gelesen hat, dürfte doch ein Gefühl besitzen, wer diese zweifelsohne reizvolle Frau gewesen ist. Johanna Wokalek ist sie. Als 17jähriger Peter Jürgen Boock, frisch vermöbelt aus dem Erziehungsheim kommend, von so einer Frau in die Badewanne gebeten zu werden, mag zum kopflosen Mörder werden lassen. Umso mehr Kopfschütteln ruft die Figur Moritz Bleibtreu als Vollproll Andreas Baader hervor. Nicht nur Bleibtreus kühles Norddeutsch (Baader wuchs in München auf) ist vollkommen unpassend. Dieser Filmbaader wirkt zwar sympathisch, aber eben als Bübchen. Daß Andreas Baader selbst Richter Dr. Prinzing, wie dieser im vergangenen Jahr erst in einem Zeitungsinterview bekundete ("als Soldat wäre er brauchbar gewesen"), sympathisch war, lag darin begründet, daß Baader als hochintelligenter pöbelnder Anarcho, der die Zuhältersprache aus seine gesamte Umgebung übertrug (die Frauen der RAF bezeichneten sich sodann schließlich untereinander als "Fotze(n)"), den Wunschvorstellungen des autoritären Charakters bestens entsprach.

Bleibtreu checkt null, wen er eigentlich spielt, mag er sich auch noch so sehr, wie er bei Anne Will meinte, in die Zeit eingelesen haben.

Gut getroffen sind der blutjunge Stefan Aust, der zu Beginn des Films nur kurz in Erscheinung tritt, sowie das Arschloch Klaus Rainer Röhl. Mit Bruno Ganz als Horst Herold kann ich nicht viel anfangen. Nicht seine seit vier Jahren zwangsläufige Verknüfung mit der Hitler-Rolle zerstört sein siel in diesem Film. Ganz ist um einiges älter als es Herold in den 70er Jahren war und tritt auch als alter Beamter in Erscheinung. Und die Story vom grübelnden, tiefsinnigen und unkonventionellen Mann des Staates ist nach meiner Kenntnis eine Legende.

Daß der Antisemitismus der RAF in dem Film so gut wie gar nicht vorkommt, wie auch nichtidentisches in seiner lesenswerten Kritik herausstellt, verwundert kaum. Die RAF war fester Bestandteil eines Vernichtungskrieges gegen Israel, der keineswegs erst mit der zweiten Generation beginnt. Der Film allerdings stellt sich dem Denken der RAF insgesamt gar nicht. Man hört allein Ulrike Meinhofs bekannteste Textpassagen (ihre Rechtfertigung der Aktion des Schwarzen September taucht jedoch nicht auf) immer wieder, aber nirgendwo wird das Konzept Stadtguerilla erläutert, wird auch der ansatzweise der Versuch gemacht, das Denken der Gründergeneration, das den ideologischen Background schließlich der zweiten und dritten Generation ausmachte, zu analysieren. Der Politjargon ist auf ein Minimum begrenzt. Von Diskussionen sieht man gar nichts.
Stattdessen erzählt dieser Actionfilm die Geschichte der Jahre 1967 bis 1977 auf eine unreflektierte Weise, bei der jede Bluttat untergebracht werden muß. Und so hechelt der Film im letzten Drittel des Films in einem Affentempo von einem Attentat zum nächsten. Das kann der Zuschauer nur nichtssagend finden.
Uli Krug schrieb in der vorletzten Ausgabe der Bahamas mit Blick auf die Debatte zu 30 Jahren Deutsche Herbst, wer wie die RAF, dem Volk habe dienen wollen, der habe es nicht besser verdient, als volkstümlich vermarktet zu werden. So ist es.

Die Jüngeren wissen jetzt vielleicht ein ganz klein wenig mehr über die Chronologie der Ereignisse jener Zeit. Mehr aber auch nicht.

1 Kommentar:

Matthias hat gesagt…

Hhmm, da bin ich ja mal gespannt...

 
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