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Montag, 13. Juli 2009

Debütantinnen der Jahrtausendwende


Andreas Kilb wirft einen Blick auf die neuer Generation deutschsprachiger Schauspielerinnen:


Keine Geisel des Bildschirms zu werden, kein Vorabendgesicht, keine
Hol-schon-mal-den-Wagen-Mimin. Das haben Karoline Herfurth, Hannah Herzsprung
und Alice Dwyer geschafft, trotz aller Umwege, Durststrecken und künstlerischen
Kompromisse - genauso wie Katharina Schüttler, Jule Böwe, Fritzi Haberlandt,
Johanna Wokalek, Julia Jentsch oder Sandra Hüller. Wer nach einer neuen
Generation im deutschen Film sucht, muss bei ihnen anfangen: den Debütantinnen
der Jahrtausendwende. Fast alle haben sie kurz vor oder kurz nach dem 11.
September zum ersten Mal vor der Kamera gestanden, zu einer Zeit, als sich der
Komödienqualm der neunziger Jahre allmählich verzog. Und ausnahmslos alle haben
ihre besten Rollen im tragischen oder zumindest realistischen Fach gespielt,
jenseits der Formen und Formeln des Komischen. Nicht dass es im neuen Jahrzehnt,
im neuen Jahrhundert nichts zu lachen gäbe. Aber das Lachen klingt härter und
trotziger, es klingt nach der schrillen Verzweiflung Katharina Schüttlers in
„Sophiiie!“ und der Aggressivität von Hannah Herzsprung in „Vier Minuten“, nach
der Hysterie von Sandra Hüllers Schülerin Michaela in „Requiem“ und der
Durchtriebenheit, mit der Alice Dwyer in „Freischwimmer“ ihre Mitschüler um den
Finger wickelt.

Mittwoch, 11. Februar 2009

Das Böse auf Hochspannung

„Den Kopf ihm ab! Ich schwöre bei Sankt Paul, ich will nicht speisen, bis ich den gesehen.-Sorgt, dass es geschieht;-Und wer mich liebt, steh auf und folge mir!“ spricht Richard III vor dem unglücklichen Hastings, der noch bis zum letzten Moment an jenen fest glaubte, ihm Liebe und uneingeschränkte Loyalität bewies. Die Hauptfigur zieht jeden in ihren Bann.

Wohl wenige Stücke sind so sehr von ihrem Helden bestimmt wie William Shakespeares Richard III. Christian Stückl nun ist mit seiner Inszenierung am Münchener Volkstheater ein vortrefflicher Schachzug gelungen, da Richard III in Nico Holonics einen brillanten Darsteller findet, der die Vorführung mit Energie auflädt.

Nach kriegerischen Auseinandersetzungen erlebt York einen Sommer des Glücks. Eduard IV ist König und es herrscht Frieden. Doch sein Bruder Richard, Herzog von Glocester, will König werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss er mehrere Familienmitglieder aus dem Wege räumen. Seine beiden Brüder Georg, Herzog von Clarence, König Eduard IV. und dessen beide Kinder York und Eduard sind die ersten Opfer.

Nico Holonics verkörpert Bösartigkeit, Rationalität und Hinterlist, aber auch Hilflosigkeit im Verlust der errungenen Macht mit einer Stärke, die dem Zuschauer den Atem raubt. Es ist das Schizoide des Bösewichts, der in seiner Verlogenheit so sympathisch wirkt, anzieht und blendet, für das der Schauspieler Holonics ein seltenes Gespür besitzt. Ob Richard an seiner Zigarette zieht oder die Mütze des Kardinals wegkickt, ob er der Familie seine Liebe vorspielt oder seinen Ekel darüber offen zeigt- in jeder Regung sind der innere Abgrund, die Verachtung für die Umgebung und die Überschätzung der eigenen Person lebendig.

Stückl hat mit dem Bühnenbildner Alu Walter zusammengearbeitet, der gleichzeitig König Eduard spielt. Die Bühne ist zweigeteilt. Der vordere Teil ist düster, karg und kerkerhaft. Schon der obere Gang macht die Bühne bei geschlossener Zwischentür zum Verließ. Dahinter wechselt das Bühnenbild. Zu Beginn bricht grelles Licht hindurch und erzeugt eine heitere Stimmung. Hochgewachsenes Gras. In der Mitte hängt eine Schaukel herab, die das jeweilige Bild verstärkt. Zu Beginn schaukelt freudig ein Kind. Nachdem Richard die Macht erlangt hat, ist hinter der Schaukel, auf welcher Richard lustlos mit Anna schwingt, eine spiegelnde und unheimlich leuchtende, düstere Wand zu sehen. Die Anzüge der Männer wirken so zeitlos, wie das Böse und das Schmierige daran zeitlos sind.

Wenn Richards Gefolgsmann Catesby nach dem Tod von Lord Hastings das „Hirn des größten Verräters“ serviert, angereichert mit Lavendelmousse und Vinaigrette, mögen manche dies für eine Befindlichkeit des Intendanten, ein übertreibendes Experiment halten. Bei der hier aber bereits gesteigerten Gefühlslage des Zuschauers wirkt die Szene ganz und gar nicht abseitig. Das Zusammenspiel mit dem Kardinal treibt den Irrsinn der Machtgier hier gekonnt auf die Spitze. Ein dunkles Rot schimmert von der Tischdecke und den Wänden her durch den Raum. Die Atmosphäre ist mörderisch.

Thomas Kylau spielt einen gebrechlichen Kardinal Ely Morton, der gegen Richard aus Schwäche nachgibt. Dagegen wirkt Xenia Tiling als Anna etwas holprig. Die Verführbare lebt sie zwar zunächst packend, aber im zweiten Teil bleibt sie von den anderen Figuren etwas abgeschnitten.

Catesby, gespielt von Justin Mühlenhardt, bewegt sich als ordinärer Schuft durch die Inszenierung, dessen Gleichgültigkeit gegenüber den Anfechtungen der Finsternis er ganz am Anfang schon hervorragend in Szene setzt, als er lässig eine Banane kaut. Ein Schock ereilt den Zuschauer gegen Ende des Schauspiels. Unerwartet küsst Catesby aus Enttäuschung Richard auf den Mund. Kurz darauf ersticht er ihn von hinten. Mit diesen Szenen rundet Stückl seine Interpretation des Bösen meisterhaft ab.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Bitte merken!

Merkt euch bitte folgenden Namen: Nico Holonics.

Den durfte ich gestern als Richard III. in einer Inszenierung von Christian Stückl am Münchener Volkstheater bewundern. Mir ging wirklich noch nie eine Theaterfigur als eine Verkörperung des Bösen, Schlechten, Mörderischen derart nahe.

Nico Holonics.

Gespeichert? Gut.

Mittwoch, 21. Januar 2009

Operation Walküre

..kommt in die deutschen Kinos. Meine Meinung zum Film findet sich hier.

Sonntag, 28. Dezember 2008

Valkyrie


Ich habe mir den Film, der am Weihnachtstag hier in die Kinos kam, heute abend angeschaut.

Fragen wir mal so: Ist es moeglich die Kritik eines Filmes mit Tom Cruise zu schreiben ohne zunaechst darauf eingehen zu muessen, ob Cruise den Film ruiniert oder nicht? Das scheint mir naemlich bei den meisten seiner Filme in den letzten zwei Jahrzehnten Routine gewesen zu sein. Einen Anlass dafuer sehe ich nicht. Tom Cruise ist weder ein ueberragend guter Schauspieler noch ein sonderlich miserabler. Er besitzt weder besondere Ausdrucksstaerke noch zeigt er sich in irgendeiner Rolle hilflos. In guten wie in schlechten Filmen war er zu sehen. Aber mir faellt wirklich kein Film ein, der ernsthaft allein durch ihn missraten waere.

In Deutschland nun ist speziell dieser Film von vornherein der Laecherlichkeit preisgegeben. Denn der Film handelt von den Guten im Dritten Reich, kommt aber aus Hollywood. Das geht nicht. Der Hauptdarsteller ist Mitglied von Scientology und dies haette im vergangenen Jahr beinah dazu ausgereicht, den Produzenten die Drehgenehmigung am Bendlerblock zu verweigern. Denn Scientology ist boese (die Junge Union rief 1996 bereits aus diesem Grunde zum Boykott von Mission Impossible auf). Stauffenberg hingegen, den Cruise in diesem Film spielt, ist Repraesentant des "geheimen Deutschlands", das von "diesem Hitler", von dem es ins Verderben gefuehrt wurde, nie etwas hielt. Eine heilige Figur. Die laesst man sich nicht von inszenieren und erst recht nicht von einem Scientologen verkoerpern.

Aber lassen wir das. Der Film wird von britischen Akzenten dominiert. Ok, das liegt an den britischen Schausielern. Wie beispielsweise Bill Nighy, der General Friedrich Olbricht darstellt. Aber insgesamt wirkt das bei einer amerikanischen Produktion so, wolle man den Film irgendwie europaeisch aussehen lassen, was nun wirklich Stuss waere. Noch viel peinlicher aber ist, als Tom Cruise zu Beginn des Films als Stauffenberg den Brief an seine Frau zunaechst mit amerikanischem Akzent auf Deutsch verliest (der Ruf "Es lebe das heilige Deutschland" bei der Erschiessung am Ende kommt wenigstens auf Englisch).

Fuer Ritter Mertz von Quirnheim hat man mit Christian Berkel einen Deutschen genommen und an der Grenze zur Wolfsschanze taucht nochmal ein bekannter deutscher Darsteller auf, aber ich bin jetzt zu faul zu recherchieren, wer das nochmal war. Sei's drum, denn die machen ihre Sache gut.
Und nicht nur sie, sondern eben auch Tom Cruise. Manchmal ist er etwas uebereifrig und wirkt zu energiegeladen. Insgesamt aber trifft er den Charakter.

Es duerfte nun wirklich jeder (ja, auch in den USA) von vornherein wissen, wie die Geschichte ausgeht. Trotzdem ist der Film ueber den groessten Teil hochspannend. Die bis in alle Einzelheiten gezeigte Durchfuehrung des Attentats und der anschliessende Versuch, die Spitze des Systems zu entmachten, lassen den Zuschauer nicht los. Der Patriotismus der Maenner des 20. Juli wird nicht auf amerikanische Art verzogen oder auf kitschige Art dramatisiert, was mancher Deutsche ja vielleicht von Hollywood erwarten wuerde. Noch ist der Film mit Action ueberfrachtet. Er ist dicht und konzentriert auf das Wesentliche. Auch wird Stauffenberg eben keineswegs ueber das Mass hinaus zum Helden. Freilich blendet er vieles aus von dem, was in Stauffenbergs Kopf und bei einigen seiner Mitstreiter so herumspukte, aber welcher Film ueber Stauffenberg wuerde das nicht? Der stets ueberwerteten Offiziersrevolte 1944 wird "Valkyrie" absolut gerecht.

Montag, 22. Dezember 2008

Tana Schanzara (1925-2008)

"Ich steh hier inne Telefonzelle inne Schlueffckes" faellt mir als erstes ein. Oder wie sie in einer Balko-Folge erzaehlt, dass sie vom erpressten Geld ab und zu mal im Rombergpark die Enten gefuettert hat oder beim Kinesen essen gewesen ist. Sie, die an ihrem 83. Geburtstag in einer Bochumer Klinik starb, war fuerwahr ein Original.

Montag, 26. Mai 2008

Ohhh MDR!

Um einen längern Text zu gestrigem Jubiläums-Tatort "Todesstrafe" will ich mich mal nicht bemühen. Die meisten dürften mit mir übereinstimmen, daß diese 700. Folge ausgesprochen schwach war. Allein Martin Wuttke in seiner Rolle als "der Keppler" hat mich nicht enttäuscht. Aber Kepplers Ex (Frau Thomalla als Eva Saalfeld)? Lieber Mitteldeutsche Rundfunk, was sollte das denn?

Sonntag, 25. Mai 2008

Nachfolger von Peter Sodann

Liebe Tatort-Freunde unter den Lesern dieses Blogs,

ich verweise nochmals auf die heutige Tatort-Folge mit Wuttke. Nicht verpassen! Ich hoffe, selbst rechtzeitig um 20.15 Uhr wieder in Gernsbach zu sein.

Mittwoch, 21. Mai 2008

Schimanski vs. Börne

Die FAZ hat eine Umfrage gestartet, wer das beliebteste "Tatort"-Team darstellt. Ein Viertel der Zuschauer hat sich bisher für Axel Prahl und Jan Josef Liefers entschieden, gefolgt von Götz George und Eberheid Feik mit knapp 18%. Was wenig überraschend ist.

Ich habe für George/Feik gestimmt, nachdem ich zuvor jedoch Prahl/Liefers bereits angeklickt hatte. Ich bin einfach zu nostalgisch.

Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy), auf den ich Zeit meines Lebens angesprochen werde, bringt es immerhin noch auf 4,5%.

Mittwoch, 16. April 2008

Taxi nach Leipzig

Hechelnd auf allen vieren wie ein Straßenköter. Überragende Darstellung, massiver Körpereinsatz. Die atemberaubende Verkörperung der verblüffenden Transformation eines underdogs, eines unbedeutenden Versagers in einen gefürchteten Gangster. Eine nie dagewesene Originalität dieser Brecht´schen Figur. So haben wir ihn in der Rolle des Arturo Ui in Heiner Müllers legendärer Inszenierung am Berliner Ensemble in Erinnerung. Müller starb Ende 1995, aber das Stück läuft offensichtlich immernoch mit inzwischen mehr als 350 Vorstellungen. Für mich ist er einer der größten Schauspieler dieser Republik (und ich gehe fürwahr vorsichtig mit Superlativen um)!

Im Fernsehen konnte man ihn bisher nur in wenigen Nebenrollen sehen, beispielsweise in Volker Schlöndorffs gänzlich mißratener Inge-Viett-Verfilmung Die Stille nach dem Schuss. Doch spätestens ab dem 25. Mai dürfte er einem breiteren Fernsehpublikum bekannt werden. Während in Stuttgart der Westspießer Bienzle von dem widerlichen Richy Müller abgelöst wird, übernimmt Martin Wuttke als Ermittler Andreas Keppler an der Seite von Simone Thomalla die Nachfolge des Ostspießers Ehrlicher (Peter Sodann). Das erfuhr ich gestern auf 3sat. Natürlich freue ich mich, ihn künftig häufiger auf dem Bildschirm sehen zu können. Gleichzeitig frage ich mich doch, ob er sich damit einen Gefallen tut. Warten wir es ab: Für mich als Tatort-Fan und Wuttke-Verehrer ist das erstmal die beste Nachricht in Bezug aufs Deutsche Fernsehen seit langem.

Sonntag, 6. April 2008

Charlton Heston (1923-2008)









Ein Titan der Filmgeschichtwe ist von uns gegangen. Erst vor wenigen Monaten kam die Nachricht aus seiner Familie, daß Charlton Heston in der letzten Zeit seines Lebens sein Anwesen kaum noch verlassen werde. Ich hatte mich auf diesen Tag eingestellt, erst noch in der vergangenen Woche daran gedacht.

Seit ich Anfang 1988 im Alter von 10 Jahren ihn in der Rolle des George Taylor im 67er Science-Fiction-Streifen "Planet der Affen" sah, ließ er mich nicht mehr los. Ergriffen war ich von ihm als Charakterdarsteller Filmen wie "Erdbeben" sowie in sämtlichen Monumentalstreifen.

Politisch war er seit den Tagen der Bürgerrechtsbewegung in den frühen 60ern, als er Seite an Seite mit Martin Luther King, dessen Todestag sich vorgestern das vierzigste Mal jährte, bis in seine letzten Jahre, in denen er als Vorsitzender der NRA die Gemüter erregte, ein Streiter für die elementaren Freiheitsrechte. Wir haben ihn schon vermisst.
 
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