Samstag, 7. August 2010

Only the good die young

Ein bewegender Nachruf auf den am 31. Mai verstorbenen Torsten Witt.

Ich lernte Torsten im April 1998 in München kennen. Es gab damals im Bund Freier Bürger wohl nur wenige Aktivisten, die mit soviel Engagement und einem dartigen Elan bei und hinter der Sache waren wie er. Sein faszinierendes Wesen dürfte auch der Grund gewesen sein, warum ich mich noch lange über die Bundestagswahlen 98 hinaus für diese Formation einsetzte.

Politisch habe ich von dieser Welt inzwischen sehr, sehr weit entfernt. Wenngleich ich die Verträge von Maastricht und Amsterdam heute noch für Humbug halte, was damals der wichtigste Grund für meine Betätigung war, wüßte ich heute gerne, was außer jugendlicher Naivität und Unreife mich in eine Reihe mit reaktionären Leuten brachte.

Torsten hatte ich seit 1999 nicht mehr gesehen; wir telefonierten im Sommer 2000 das letzte Mal. Er war in den mehr als 20 Jahren seines Engagements der Anziehungspunkt für so viele junge Menschen und der Grund für sie, in Schülerverbindungen und Landsmannschaften aktiv zu werden. Die Nachricht von seinem Tod ist eine sehr traurige.

Ruhe in Frieden.

Montag, 2. August 2010

Jahrestag eines langen Krieges

Wenn vom "Irak-Krieg" die Rede ist, hat man in der Regel die Invasion des Irak durch die von den USA und Großbritannien angeführte Koalition 2003 vor Augen.

Doch der Irak-Krieg begann auf den Tag heute vor 20 Jahren mit der Annexion Kuwaits durch die Truppen des Baath-Regimes. Am 2. August 1990 scheiterte die Realpolitik am Golf, die Politik der Secret Diplomacy. Der 1991 unternommene Versuch, das alte Verhältnis zum Irak wiederherzustellen, scheiterte. Mit der Intervention 2003 und der Beseitigung der Diktatur Saddam Husseins begann schließlich das Ende des Krieges.

Samstag, 31. Juli 2010

Brüssel - Antwerpen - Oostende


Eigentlich wollte ich nach Krakau fahren. "Ich will dir ja keine Angst machen, aber da laufen sehr viele Polen rum, vor allem um diese Jahreszeit" gab mir eine Freundin, die selbst dem Lande der Polen entstammt, zu bedenken. Die Flüge nach Krakau waren auch nicht die gerade die billigsten. Und so oft und gerne ich als Kind mit dem Flugzeug reiste, so oft und gerne fahre ich, seit ich Inhaber der Bahncard100 bin, mit dem Zug. Ich kaufte mir eine Fahrkarte vom Grenzpunkt Aachen Süd bis Brüssel.

Wo ich zwei Tage blieb. Danach bestieg ich einen belgischen Zug und fuhr nach Antwerpen, wo ich zwei Tage blieb. Danach bestieg ich einen belgischen Zug und fuhr nach Oostende, wo ich zwei Tage blieb.

Besonders Antwerpen (Bild), die Hauptstadt Flanderns, fand meinen Gefallen. Was für ein schöner Bahnhof! Was für ein schöner Stadtpark! Was für eine schöne Fußgängerzone! Was für ein schönes Rathaus! Was für eine wunderschöne Kathedrale! Was ein Hafen!
Ach ja, und Ooostende ist häßlich. Von grauen Betonklötzen zerschandelt. Das stand auch in meinem Reiseführer, den ich mir erst gekauft hatte, als das Hotel bereits reserviert war. Aber wichtig ist mir das Meer. Oh ja.

Freitag, 30. Juli 2010

"Hühnerauge, sei wachsam"

In bezug auf das konkret 07/2010 erschienene Interview mit Tilman Spengler zur Bundespräsidentenwahl schreibt Thorsten Kraechan einen treffenden Kommentar in Form eines Leserbriefs:

Der "duck test" geht bekanntlich so: "If it looks like a duck, and quacks like a duck, then it probably is a duck." Der Gauck-Test geht so: Wenn etwas wie ein NS-Relativierer aussieht, als NS-Relativierer dem revisionistischen Mainstream voranschwimmt, und dabei unentwegt wie ein NS-Relativierer quatscht, dann ist es vermutlich ein NS-Relativierer. Tilman Spengler quakt dagegen: "Aber ich halte das Zitat, dessen Zusammenhang ich nicht kenne, für einen Aufruf gegen eine Nostalgie gegenüber der DDR."

Um Jack Nicholson aus dem Film "The Witches of Eastwick" zu zitieren: "Natürlich werde ich einen Schmuckreiher nicht mal erkennen, wenn ich auf einen pissen würde." Das geht Tilman Spengler bei Vögeln wie dem revisionistischen Schmierfink Gauck genauso.

(konkret 08/2010)

Münchener Verhältnisse

Es ist offenbar kaum möglich, in München eine proisraelische Veranstaltung durchzuführen. Das war vor zwei Wochen zu erleben, als ein Vortrag von Justus Wertmüller, Redakteur der Zeitschrift Bahamas, zum Thema "Warum es um Israel geht - und nicht um Völker, Kulturen und Gemeinschaften" im Neokeller angekündigt war. Der Neokeller stehe uns nicht zur Verfügung, sagte mir ein Freund aus München 48 Stunden vor Veranstaltungsbeginn. Der Vortrag wurde noch an dem Abend in das Lokal "Goldener Hirsch" verlegt. Doch 145 Minuten vor Eröffnung - ich war bereits in München -klingelte bei besagtem Freund das Handy: Auch im Goldenen Hirsch könne die Veranstaltung nicht stattfinden. Bei dem Gastwirt seien Anrufe eingegangen, bei den Veranstaltern handele es sich um Rassisten, der Inhaber vom "Goldenen Hirsch" befürchte nun ökonomische Einbußen. In den darauffolgenden 20 Minuten gelang es noch, den Vortrag schließlich in den Löwenbräukeller zu verlegen. Diese Raumänderung konnte schließlich (und logischerweise) nicht mehr in den Social Networks bekanntgegeben werden. Ein Wunder, dass dennoch an die 70 Leute zur Veranstaltung umgeleitet werden konnten.

Der Vortrag wurde mitgeschnitten und steht hier zur Verfügung. An den Vortrag schlossen sich übrigens für mich die schönsten 24 Stunden an, die ich bisher in der bayerischen Landeshauptstadt genießen durfte. Und außerdem weiß ich jetzt auch, wer Edwin Erich Dwinger ist.

UPDATE(08.08.2010):
Bericht des Veranstalters

Donnerstag, 29. Juli 2010

Zitat des Tages

"Wenn sie dafür ihre Dienstwagen behalten dürfen, genehmigen die Grünen fünf neue Atomkraftwerke und erklären Rußland den Krieg."

-Hermann L. Gremliza zur schwarz-grünen Koalition in Hamburg nach dem Rücktritt Ole von Beusts.

Sonntag, 18. Juli 2010

Wird Jeb Bush Präsident? Oder George P. Bush?

Nach den Kongreßwahlen im kommenden November dürfte die Diskussion um den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner in ihre entscheidende Phase treten. Bereits im sommer kommenden Jahres werden die Debatten zwischen den einzelnen Bewerbern beginnen.
Von Sarah Palin als möglicher Kandidatin ist bereits seit der für sie verlorenen Wahl 2008 die Rede. Mitt Romney galt bisher der Favorit, da er bei den Vorwahlen 2008 als die Nr. 2 aus dem Rennen. Anders als bei den Demokraten, die Verlierer in der Regel nicht mehr nominieren, gibt es bei den Republikanern eine alte Tradition, den zu berücksichtigen, der es das letzte Mal nicht geschafft hat.

Der Stratege Simon Rosenberg hält Jeb Bush, ehemaliger Gouverneur von Florida, für den aussichtsreichsten Kandidaten, der Obama gefährlich werden könnte. Das mag zunächst unverständlich erscheinen. Warum soll ein Mann mit einem nach wie vor so unpopulären Bruder gute Chancen haben, Präsident zu werden, wo doch außerdem schon zwei aus der Familie im weißen Haus waren.

Aber man halte sich vor Augen: Ohne einen Bush haben die Republikaner das letzte Mal 1972 eine eine Präsidentschaftswahl gewonnen; ohne einen Bush oder Nixon 1928. Vielleicht braucht man wirklich einen Bush zum Sieg, und vielleicht wird es wieder einen Präsidenten Bush geben, sei es 2012, 2016 oder 2020. Und wenn nicht Jeb, dann vielleicht sein Sohn George P. Bush 2032?

Mittwoch, 14. Juli 2010

Bushido: wie gut es uns geht während der WM


Christian Soeder verweist auf ein SPIEGEL-Interview mit Bushido, der im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft ein paar Bemerkungen zur Integration macht, die ich für genauso richtig wie Christian halte. Mir springt ein Satz ins Auge.


Bushido: Ja, aber ich finde es schade, dass wir unser Land kleiner machen, als es ist. Sehen Sie mal, wie gut es uns geht während der WM: nicht wirtschaftlich, ich meine, im Kopf, im Herzen, in der Psyche. Wir sind befreit. Wir können unsere Flagge aus dem Fenster hängen, wir können sie ans Auto hängen. Niemand wird dich blöd angucken oder für einen Nazi halten.


Im Herzen und in der Psyche befreit. So befremdlich ich überhaupt die Tatsache finde, daß sich während einer WM zahlreiche Leute für Fußball zu interessieren beginnen, die mit ihm sonst rein gar nichts anfangen können, so sehr frage ich mich gerade nach dem, was ein solches WM-Ereignis zu etwas Befreiendem macht.

Ja, die Begeisterung für ein bestimmtes Team, für den ein oder anderen Spieler kann aufbauen und Alltagsfrustrationen vergessen machen, wie derlei "Spiele" in jedem Sport eben als Ablenkung von der Tristesse des Daseins oder dem eigenen Elend taugen. genauso kann der Enthusiasmus umschalgen in eine Vertiefung der eigenen Aggressionen und Unzulänglichkeit. Der Fan empfindet die Niederlage des favorisierten Teams nicht einfach nur als Enttäuschung, sondern als persönliche Niederlage, als sein eigenes Scheitern. Wer in den letzten Tagen und Wochen auf feiernde Spanier einprügelte, Müll auf Straßen verteilte oder Scheiben einschlug, fühlte sich offensichtlich nicht befreit. Soweit muß man aber gar nicht gehen: Auch wer trotzig reagierte und wieder einmal den "Weltmeister der Herzen" oder den "eigentlichen Weltmeister" halluzinierte, war offensichtlich nicht einfach nur enttäuscht.

Und ganz grundsätzlich richten sich gerade im Fußball "Fans" oft mit ihrer Leidenschaft zugrunde. Ich hatte in den 90ern einen Mitschüler, der so eingenommen war von seinem SV Waldhof Mannheim, an nichts anderes denken konnte, daß diese Manie ihn letztlich um sein Abitur brachte.

Was aber die Leidenschaft für das Team in Europa- und Weltmeisterschaften zusätzlich interessant oder vielleicht eben auch problematisch macht, ist die Frage der nationalen Zugehörigkeit. Vor zwei Jahren freuten sich kurz vor Beginn der EM beim letzten Freundschaftsspiel in einer Kneipe ein Kollege und ich darüber, daß Weißrussland gegenüber Deutschland in Führung ging. Schon wurden wir angepöbelt: Wir würden offensichtlich im falschen Land leben. Dabei war der Grund für unsere Freude eigentlich nur, daß wir vorher darauf gewettet hatten. Die Erwartung, dass nationale Zugehörigkeit zwingend zur Identifikation mit einem Fußballteam führen muß, scheint also weit verbreitet zu sein. In der vergangenen Woche schrieb ein Freund nach der deutschen Niederlage gegen Spanien, er sei zu einem kleinen Teil Holländer und zweimal gegen Spanien verlieren wolle er nicht. Manche meinen, wenn nichts anderes rettendes mehr bleibt, sich also an ein Team klammern zu müssen, weil ein Urgroßvater wohl der dahinter stehenden Nation entstammte. Wie befreit sie sein müssen...
Im Deutschen Nationalteam spielen Männer mit "Migrationshintergrund", die Paradebeispiele sind für gelungene Integration. Und die sich selbstverständlich sich als Angehörige dieser Republik fühlen, wie der homophobe Rapper aus der deutschen Hauptstadt richtig beschreibt. Konnte man während der Beckenbauer-WM 1990 kurz vor der Wiedervereinigung noch berechtigt Angst vor der Tendenz diverser Fans zu völkischem Größenwahn haben, der sich anfang der 90er in Angriffen auf Asybewerberheimen dann auch zeigte, so lebt heute in einer anderen Welt, wer im Partyzirkus von 2006 und 2010 ernsthaft die braune Volksgemeinschaft wittert. Dennoch ist jemand, der sich über eine deutsche Niederlage erleichtert zeigt, vielleicht auch nur jemand, der sich gar nicht erst in den Sog von befreienden und beengenden Spielen hineinziehenlassen und in der nächsten Nacht ungestört schlafen will. Weiterhin bleibt Kritik an den WIR-Überhöhungen auch in Zukunft ganz angemessen. Und Bushido bleibt ein Brechmittel, das ich nicht als gelungenes Beispiel von Integration anführen würde.

Donnerstag, 29. April 2010

Verharmlosung des Völkermordes an den Armeniern - offener Brief zu einer achgut-Veröffentlichung

(19.04.2010) - Am 24. April jährt sich zum 95. Mal der Beginn des jungtürkischen Völkermordes an den Armeniern. Im Unterschied zur Französischen Republik und einer Reihe weiterer Staaten, die sich offiziell zur historischen Tatsache des Völkermordverbrechens am armenischen Volk bekennen, ist von der Bundesrepublik Deutschland auch in diesem Jahr keine adäquate Würdigung der armenischen Opfer zu erwarten.

Mit großer Empörung haben wir in diesem Zusammenhang feststellen müssen, daß die "Achse des Guten" am 15. März einen Artikel als "Fundsache" empfahl, in dem der völkermörderische Charakter des Armeniermordes offen geleugnet wird
(siehe: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_wohlfuehl_antisemitismus_der_taz/ ):
"Der Wahnsinn des Antisemitismus, der ihn von allen anderen Verfolgungs- und Ermordungsgeschichten der Menschheitsgeschichte trennt, ist der Mord an einem ganzen Volk. Es ist kein begrenzter Massenmord wie in Ruanda, gegen die Armenier oder in Darfur im Sudan, so unfassbar schrecklich die dortigen Morde waren und sind. Der genozidale Zug des Antisemitismus macht ihn so unvergleichlich."

Wenn es der "genozidale Zug" ist, der den Antisemitismus unvergleichlich macht, so ist - in der Logik des Autors Dr. Clemens Heni - der jungtürkische Antiarmenismus keine genozidale Ideologie, und selbst die systematische Ermordung der Armenier im Osmanischen Reich in den Jahren 1915-17 wäre als eine Art "Völkertotschlag" zu verorten, dem eine genozidale Absicht gefehlt habe. Im Einklang mit den "moderateren" Stimmen innerhalb der türkischnationalen Geschichtspolitiker und ihrer Apologeten werden Massenmorde an Armeniern zwar nicht in toto geleugnet, wohl aber deren Ausmaß und vor allem die Qualität einer Verfolgungspolitik in Abrede gestellt, die sehr wohl auf die physische Auslöschung der Gesamtheit eines Volkes gerichtet war.

Heni verkennt den engen historischen Zusammenhang zwischen jungtürkischem Armenier- und nationalsozialistischem Judenmord, wie ihn Ralph Giordano, wie folgt, vor Augen führt: "Am 22. April 1939, also am Vorabend des von ihm und dem nationalen Kollektiv seiner Anhänger vorsätzlich vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkriegs, erklärte Adolf Hitler den versammelten Kommandeuren der SS-Todesschwadronen und einer höchst willfährigen Wehrmachtsgeneralität: ‚Ich habe meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen.’ Und dann:'WER REDET DENN HEUTE NOCH VON DER VERNICHTUNG DER ARMENIER?'"

Neben dem Genozid-Charakter des Armeniermordes verharmlost Heni, indem er den "genozidalen Zug" einer Ideologie als für den Antisemitismus spezifisch erklärt, implizit auch Völkermord-Verbrechen, die die Nazis und ihre Verbündeten an Nicht-Juden verübten: den Massenmord an Sinti und Roma, die Vernichtungspolitik gegenüber slawischen Völkern, manifestiert etwa in der Ermordung von Millionen russischer Kriegsgefangener, die Auslöschung der Serben durch die kroatischen Hitler-Kollaborateure, für die das Vernichtungslager Jasenovac steht.

Fazit: Heni redet nicht nur einem anti-armenischen Negationismus das Wort, gegen den türkische Demokraten in ihrer Heimat mit großem Mut Stellung nehmen - und von dessen Propagandisten auch hierzulande Ralph Giordano mit antisemitischen Verleumdungen und Gewaltaufrufen überzogen wurde. Vielmehr trägt er objektiv auch dazu bei, einen Teil der NS-Völkermordverbrechen als solche auszublenden.

Wir wissen, daß Heni in dieser Hinsicht nicht für achgut spricht; das Engagement Henryk M. Broders für eine Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern durch die Türkei ist uns bewußt. Gerade deshalb sind wir erschüttert über den Umstand, daß Fürsprechern des nationalchauvinistischen türkischen Negationismus auf der "Achse" ein Forum geboten wurde.

Mark P. Haverkamp
Daniel Leon Schikora
Alex Zuppi

Samstag, 10. April 2010

Reaganomics im 21. Jahrhundert

§111: Es werde fortgebloggt. Fangen wir an mit einem Zitat, über das ich gerade gestolpert bin:

Proposing Reaganite solutions for a situation radically different than the late 1970s is not conservative. It's a form of neurotic religion. Reagan wouldn't have supported it.

-Andrew Sullivan in einem kurzen Text über David Frum und den Zustand des US-amerikanischen Konservatismus.
Korrekt. Das kann ich nicht oft genug sagen. Viel zu viele Konservative und Libertäre hängen noch irgendwo in den 80ern und leben in der Ära des Thatcherismus und der Reagonomics, in der Steuersenkungen tatsächlich noch ein wirksames Mittel waren. Hey, wir haben 2010.

Montag, 1. März 2010

Zwei Jahre

Power of Will wird heute zwei Jahre alt. Auch wenn im zweiten Jahr hier weitaus weniger los war als im ersten, so bin ich des Bloggens doch noch lange nicht müde. Ich weiß allerdings durchaus, daß Layout und Präsentation sehr zu wünschen übrig lassen. Umzug und Neugestaltung dieses Blogs sind überfällig. Und ich will versuchen, in den nächsten zwei bis drei Monaten meine Hausaufgaben zu machen.

Doch heute ein kühles Jever auf dieses Weblog, das es vielleicht doch wert ist, manchmal angeschaut zu werden.

Samstag, 27. Februar 2010

Das metaphysische Eichhörnchen - Wilhelm Genazino in Mannheim


Eine schwere Ente steht auf einem Bein mit geschlossenen Augen mitten in der Stadt und schläft. Er nähert sich ihr und stellt fest, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Das Tier schläft. Das gibt es doch gar nicht! Dass hier einfach so eine Ente auf einem Bein steht und schläft. Wenn ich nur einmal auf einem Bein stehen und dabei schlafen könnte, dann hätte ich an das Leben keine Ansprüche mehr.


Es ist eine dieser heiteren Szenen aus dem neuen, noch nicht erschienenen Roman von Wilhelm Genzino, die das Publikum an diesem Abend in die Leichtigkeit des Seins versetzen, in das Genzinosche Werk hineinziehen, es mitten in der Welt des Schriftstellers umherwandern lassen. Der Roman, der noch keinen mitteilbaren Titel hat, dreht sich um einen Architekten, Anfang 40, nicht mehr verheiratet und mit einer Maria liiert. Sein Freund Michael Autz (?), der ihn immer mit Aufträgen versorgte, ist gerade (im gleichen Alter wie er), auf einer Couch liegend entweder an einem Herzschlag oder an einem Herzinfarkt gestorben. Dadurch rutscht der Protagonist aus seiner eigenen Gebraucht-Welt in ein echtes Gebraucht-Leben hinein. Er bandelt mit Karin, der Frau des verstorbenen Freundes an, eine Gebraucht-Frau sozusagen, übernimmt schließlich auch noch den Job des Freundes, erhält also einen Gebraucht-Arbeitsplatz, und fährt den Wagen des Freundes, einen Gebrauchtwagen. In welchem er mit Karin zusammen die Kunstausstellungen besuchen fährt, die eigentlich auf der Agenda von Karin und ihres verstorbenen Mannes standen. Er sieht, dass er nun auch noch dieses Programm absolviert.

"Würden Sie sagen, dass dieser Protagonist exemplarisch für ihre Figuren in ihrem Werk ist oder steht der eher außerhalb der Reihe?" fragte Moderator Thomas Gross Genziano in der anschließend folgenden Diskussion zuerst. "Och, ich glaube, der passt da ganz gut rein," antwortete der. "Ja sehr" stimmt eine Genazino-Kennerin in den vorderen Reihen nickend zu.

Es sind vornehmlich mittlere Angestellte, die Genzino in seinen Romanen beschreibt, von denen ich den Lesern dieses Artikels seit dem 2001 erschienen Publikumserfolg Ein Regenschirm für diesen Tag wirklich jeden dringend ans Herz legen kann. Über eine Empfehlung des Literarischen Quartetts war auch ich damals auf Genzino aufmerksam geworden. Manche seiner Helden haben Ausnahmeberufe wie "Tester für Luxusschuhe" oder "Apokalypse-Experte", aber sie alle hängen in der Luft, sind sich selbst abhanden gekommen, wenn sie denn je bei sich waren, verlieren sich in Beobachtungen immer auf der Suche nach Momenten der Daseinsgewißheit, wie sie in dem neuen Roman, der sich noch in Arbeit befindet, in der Szene mit der stehenden Ente einen so schönen Ausdruck findet. Genazino charakterisiert seine Helden denn auch schon sehr zu Beginn mit dem unnachahmlichen Zitat aus dem Werk des wunderbaren Dramatikers Ödon von Horvath: "Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu." Seine Figuren sind eigentlich auch ganz anders.

Warum aber werden sie sich dann so fremd? Genazino erklärt selbst, dass sich sein Blick auf das Problem in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Glaubte er als Autor der 1977 erschienenen Abschaffel-Trilogie noch, dass die Gesellschaft in ihrer Gestalt als Monster die alleinige Schuld an der Entfremdung des Einzelnen habe, interessiert er sich heute vor allem für "die verhüllte Selbstbeteiligung des Subjekts an seinem Unglück." Und diese auf etwas düstere Weise phänomenalen Bestandteile der Persönlichkeit werden im neuen Roman bspw. an dem Personalausweis eines Fremden verdeutlicht, den er noch vor dem Tod seines Freundes gemeinsam mit ihm gefunden hatte. Und mit dem er sich postlagernd bereits einen Toaster und ein Bügeleisen bestellt hat. Dieses Der-Wirklichkeit-eine-Schnippe-schlagen übt dann doch eine so große Faszination auf jemanden aus, der es weder von seiner intellektuellen Veranlagung noch seiner materiellen Situation her nötig hätte, dass er sich entgleitet. Es ist dieser "Widerspruch des Subjekts" (Adorno), den Genazino in seinen Büchern immer wieder hervortreten lässt. Die Figur weiß genau, was sie nicht will, aber dadurch, dass sie es so genau weiß, bringt sie es "hintenrum" ständig neu hervor. Es ist dieser Widerspruch des Subjekts mit sich, der auch die Hauptfigur des neuen Romans, aus dem Genazino an diesem Freitag, den 26. Februar 2010 in der Alten Feuerwache in Mannheim liest, dazu bringt, obwohl er sich doch außer einem neuen Wasserkocher noch ein Bett kaufen wollte, schließlich einen Fertigsalat zu kaufen. Einen Fertigsalat, den er schließlich in seine Fertigwohnung mitnimmt, wo er in seinem Fertigbett einen Fertigschlaf absolvieren wird. Das Publikum lacht.

"Wissen Sie ich komme ja auch viel rum in Büros..beim Rundfunk, für den ich arbeite, das gibt es wirklich, es gibt Frauen, die gehen in die Mittagspause und kaufen sich einen Fertigsalat und dann sitzen sie an ihrem Schreibtisch und dann essen sie da ihren Fertigsalat," sagt Genzino. Er sehe natürlich auch die Nähe zur Komödie, das Lachen des Publikums bestätige es ihm, aber komisch sei das nicht. Das sei eher eine milde Bitterkeit. Und zart-bitter ist die Erfahrung dieser Figuren auch für den Leser, wobei aber doch gerade diese Literatur Selbstverluste teilweise wieder einholt. Das erkennt auch der Moderator, der sonst sich selbst mit einem etwas nervig-monotonen Tonfall im Mannheimer Lingo manchmal unnötigerweise auch ein bißchen zu sehr darstellt, und will wissen, ob die "Schule der Besänftigung", die in einem der letzten Bücher eine Romanfigur eröffnen wollte, nicht auch eine passende Beschreibung eines Teils des Genazinoschen Anliegens sein könne. Er sehe das Sektiererische darin, antwortet Wilhelm Genazino, aber "der Idee nach ja."

Der 1943 in Mannheim geborene Schriftsteller gleiche ja auch seinen Figuren insofern, als er auch viel spazieren gehe und sich seine Bebachtungen notiere; ob ihm auf dem Weg zur Alten Feuerwache auch eine Besonderheit aufgefallen sei, fragt Thomas Gross, der das Gespräch offenbar noch unbedingt auf die Kurpfalz lenken will. Es gebe da ja diese verkümmerte Grünanlage am Mannheimer Nationaltheater, dort habe er ein Eichhörnchen gesehen, sagt Genazino zögerlich. Ein Eichhörnchen in einer Situation der Not, es regnete, er hatte einen Schirm, das Eichhörnchen nicht, und für einen kurzen Moment sah es ihn an, erschrak und versuchte einzuordnen, ob er eine Gefahr darstelle oder nicht, und da habe er das Gefühl gehabt: Eine Einzelheit spricht mit mir. Ein Eichhörnchen, aus dem in dieser Sekunde der alltägliche Wahnsinn spricht, von dem es nichts weiß. Ein metaphysisches Eichhörnchen. Auch er sei eigentlich ein solches metaphysisches Eichhörnchen. Und irgendwie als solche werden auch die Besucher aus dem Abend mit diesem herausragenden Erzähler entlassen. Auf der Suche nach Schutz vor der strukturellen Gewalt dieser Welt und irgendeiner Daseinsgewißheit. Wenn man nur einmal wie eine Ente auf einem Bein stehend schlafen könnte.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Ein Ungleichgewicht hat zwei Seiten

"Ich bin immer erstaunt, wie selbst intelligente Menschen oft nicht verstehen, dass ein Ungleichgewicht - ob nun im Euro-Gebiet oder international - logischerweise eine Entwicklung ist, die zwei Parteien betrifft. Das Problem der Weltwirtschaft im letzten Jahrzehnt war nicht allein das amerikanische Leistungsbilanzdefizit, sondern genauso die chinesischen und deutschen Überschüsse. Die Ungleichgewichte im Euro-Gebiet bestehen aus südeuropäischen Defiziten, spanischen vor allem, und deutschen Überschüssen. In Deutschland tendiert man immer dazu, Ungleichgewichte mit Defiziten gleichzusetzen."


Wolfgang Münchau

Sonntag, 14. Februar 2010

Steigende Durchschnittstemperatur

Immer wieder ist die falsche Behauptung zu hören, in den letzten zehn Jahren sei es nicht mehr wärmer geworden. Heute zum Beispiel im Tagesspiegel

Unstrittig ist eigentlich nur, dass es in den vergangenen zehn Jahren nicht
mehr wärmer geworden ist und 1998 das wärmste Jahr der Aufzeichnungen war.

Richtig ist, daß 98 das bisher wärmste Jahr war. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß es seitdem nicht wärmer würde. Die Durchschnittstemperatur der Nuller liegt höher als die der Neunziger.

Samstag, 13. Februar 2010

HB-Männchen Westerwelle

Für Westerwelles Verhalten, das für soviel Wirbel sorgt, gibt es eine simple Erklärung.
Er ist nicht regierungsfähig, nicht imstande, die Geschäfte des obersten Diplomaten durchzuführen. Das wird ihm bewußt und frustriert ihn. Außenpolitik war nie das Steckenpferd dieses Mannes, von dem in der Opposition wenig zu hören war, was nicht mit der Phrase "Der Bürger muß entlastet werden" ausreichend beschrieben gewesen wäre. Weil er als Außenpolitiker nichts kann, nichts hermacht, nichts tut, haut er innen- und sozialpolitisch umso lauter auf den Tisch.

Das Theater wird sich zunächst wieder legen, aber bald auch schon wieder zurückkehren.
 
kostenloser CounterPointsoft